Auf Entdeckungsfahrt im ewigen Eis
In grauer Vorzeit zogen Seuchen wie Pest & Pocken durch Deutschland, heute grassiert innerhalb unserer Gesellschaft die "geistige Verblödung", welche hervorgerufen durch den Konsum niveauloser bzw. inhaltsloser Medien, im Besonderen produziert in Amerika, die Menschen in den Würgegriff nimmt - dauerhafte Folgen Gehirnschwund und ausschließliche Erfüllung der Primärbedürfnisse "Essen, Trinken ..."! Zu unserem großen Glück, bevölkern noch Individuen wie Tobias Hornberger unseren Planeten, die nicht "Liebe, Herz, Schmerz" auf ihren Veröffentlichungen transportieren, sondern sich geschichtlichen Thematiken zu wenden, die in die Kategorie "pädagogisch hochwertvoll" gehören bzw. fallen.
Begeben Sie sich mit mir auf eine Reise nach Novaya Zemlya (Nowaja Semlja) (Übersetzung: neues Land), auf die russische Doppelinsel im Nordpolarmeer, von wo aus die österreichische Expedition mit den Wissenschaftlern Julius Payer (1841 - 1915) und Carl Weyprecht (1838 - 1881) ab 1872 den Nordpol erforschten. Sie waren zwei lange harte Winter bei bis zu -50 Grad eingeschlossen, im Frühjahr 1873 entdeckten sie Franz-Joseph-Land und kehrten 1874 in ihre Heimat zurück. Diesen kleinen Ausflug in die Vergangenheit nahm Tobias Hornberger mit seinem Projekt False Mirror mit zum Anlass für sein neues Release "North". Des Weiteren erwartet Sie eine phantastische Entdeckungsfahrt durch Packeis, kahle Landschaften und widrige Wetterbedingungen, wie sie die frühen Pioniere der Wissenschaft in der Arktis vorfanden. Nicht zu vergessen die damaligen Gefahren, welche einen ständigen Kampf zwischen Leben und Tod bedeuteten.
Nach "Chronostatic Scenes" (Mitte 2007) überrascht uns der Protagonist Tobias Hornberger mit einem sehr eisigen bzw. düsteren Oeuvre, welches nicht wirklich in eine feste Genreschublade passt. "North" treibt zwischen Dark Ambient und Drone, wie ein Expeditionsschiff durch ein Meer von Eisschollen. Gefährliche Untiefen lauern an allen Ecken und Kannten, die zerstörerische Situationen innerhalb der Spielzeit von über 70 Minuten garantieren. Nicht zu kurz kommen die hymnischen Elemente, die die Schönheit der Natur im ewigen Eis beschreiben und gleichzeitig die Gefühle von Polarforschern widerspiegelt. Der Akteur erschuf "North" aus zum Teil synthetischen Mitteln und echten Instrumenten, die er mit Feldaufnahmen versetzte. "North" offenbart denselben Charakter, den Besucher als Eindruck aus der Arktis mitbringen - völlige Erschlagenheit vom Erlebnis. Auch nach unzähligen Hördurchgängen, erfasst "North" meine Wenigkeit auf ein Neues. Die erzeugte Dichte bzw. Massivität von Tobias Hornberger gleicht einem riesigen Eisberg, der voller Stolz in der Sonne leuchtet und nur langsam seinen Reiz bzw. Charme verliert. Die geneigte Käuferschaft bekommt einen wahnsinnigen Hidden Track am Ende von "North" geboten. Tobias Hornberger nahm unter dem Einsatz seines Lebens eine Tonspur beim Jahrhundertsturm "Kyrill" auf, den Sie zum Ausklang vorfinden. Ohne Frage, ein Schmankerl, welches fast eine Hommage an dieses Naturschauspiel darstellt und die absolute Hilflosigkeit gegenüber Mutter Erde aufzeigt bzw. festhält.
Auf einen Anspieltipp kann bei "North" verzichtet werden, da die gesamte Spieldauer ein homogenes Highlight ans Tageslicht fördert.
Die allermeisten Publikationen bestücken die Klangtüftler mit vom Computer erstellten Graphiken. Im Gegensatz dazu, präsentiert uns Tobias Hornberger ein ausdrucksstarkes Artwork, welches Sylvia Riester von Hand malte. Ein weiter Punkt, wodurch sich "North" von der Masse der Opera absetzt.
"North" ein echtes Erlebnis aus der Feder von Tobias Hornberger, welches sich im internationalen wie inländischen Vergleich nicht verstecken muss. Wer atmosphärischen Dark Ambient mit viel Mystik sucht und Drones wohl gesonnen gegenübersteht, sollte den auf Thonar Records veröffentlichten Tonträger direkt bestellen. Personen, die unter klaustrophobischen Anfällen leiden, müssen "North" definitiv von ihrer Bestellliste streichen, hingegen für Anbeterinnen und Anbeter der Dunkelheit ein Pflichtkauf für die heimische Sammlung.