Sollte man sich auf eine Diskussion darüber einlassen, wann etwas als Musik bezeichnet wird und wann nicht? Nein, man sollte es nicht! Selbst vermeintlich sichere Definitionen wie die, dass Musik die Kunst ist, Schall zu klanglichen Kunstwerken zusammenzufügen, scheitert schon immer wieder daran, dass man erst klären müsste, was denn ein Kunstwerk ist. Was dies alles mit Tobias Hornberger alias False Mirror zu tun hat? Als jüngst mit 'North' das zweite Album dieses Projektes seinen Weg in mein CD-Radio im Auto fand, rief diese Scheibe bei so manchem Beifahrer gemischte Reaktionen hervor. Endlose Klänge, deren feine Abstufungen kaum wahrnehmbar sind, unterbrochen nur von gelegentlichen 'Störtönen' oder einem dumpfen Knacken, das verdächtig an die Geräusche von berstendem Eis erinnert, sind eben nicht ganz alltäglich.
Dark Ambient also, dessen Zugänglichkeit sich bestimmt nicht ohne die nötige Muße erschliesst und der voll und ganz auf der Wirkung der Sounds basiert, anstatt Texte als Botschaftsträge zu verwenden. Tobias beschreitet diesen Weg aus voller Überzeugung. "Generell finde ich es immer etwas problematisch, Musik mit gewissen Statements zu verknüpfen. Musik ist für mich eine rein emotionale Form der Selbstverwirklichung. Alle akustischen Landschaften sind einzig Abbild meiner inneren Gefühlswelt. Jeder Hörer meiner Musik wird etwas andere Bilder dazu entwickeln und sie ein wenig anders spüren. Diese Heterogenität der Wirkung bedeutet mir sehr viel, sie macht Musik zu einer individuellen Sache."
"Einsamkeit bedeutet auch Freiheit" - Tobias Hornberger
Für 'North' hat sich Tobias von einer extremen Außenwelt inspirieren lassen, um jenen Dingen, die ihn innerlich bewegen, einen Ausdruck zu geben. "Bereits seit meiner Kindheit faszinieren mich arktische Eiswüsten. Die Einsamkeit dieser Landschaften spiegelt wohl auch eine gewisse Einsamkeit in meinem Inneren wider. Aber Einsamkeit bedeutet auch Freiheit. Beim Erschaffen des Albums hatte ich daher das Bild einer Expedition vor Augen, die irgendwohin in das kalte, dunkle und ewige Nichts verschwindet. Die Musik zieht einen in den Strudel aus Kälte und Dunkelheit. Ein weiteres in den Tracks vertretenes Naturelement sind Stürme, die mich gerade deshalb so beeindrucken, weil sie die wahre Macht der Natur spüren lassen."
Und die werden wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wohl noch viel deutlicher anerkennen müssen. Bis es allerdings so weit ist, vermittelt 'North' uns einen guten Eindruck davon, wie sich aus dieser Entwicklung zumindest künstlerisches Kapital schlagen lasst.